Die Europäische Zentralbank warnt in ihrem jüngsten „Finanzstabilitätsbericht“, dass der Anfang 2026 ausgebrochene Krieg eine ernsthafte Herausforderung für die Finanzstabilität des Euroraums darstellt. Obwohl das Wirtschaftswachstum von Ende 2025 bis Anfang 2026 überraschend positiv ausfiel und die Stimmung an den Finanzmärkten insgesamt stark war, hat der Nahostkonflikt bereits die globalen Energie- und Rohstofflieferungen beeinträchtigt, die Energiepreise in die Höhe getrieben und den Inflationsdruck verstärkt. Mit der Fortdauer des Konflikts werden seine Auswirkungen auf die globale Wirtschaft und Finanzstabilität immer schwerwiegender.
Die Anpassungen an den Finanzmärkten waren zwar breit angelegt, blieben aber bisher geordnet. Dennoch sind die Vermögenspreise nach historischen Maßstäben weiterhin hoch, insbesondere unter dem aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Druck, was die Märkte anfällig für eine abrupte Neubewertung macht. Nichtbanken-Finanzinstitute könnten Marktschwankungen verstärken, insbesondere offene Unternehmensanleihefonds, deren Liquiditätspuffer begrenzt sind. Darüber hinaus könnten Spannungen am US-Privatmarkt auf den Euroraum übergreifen, auch wenn dies derzeit noch keine systemischen Bedenken aufwirft.
Im Bankensektor profitieren die Banken im Euroraum von den verbesserten Kapital- und Liquiditätspuffern der letzten zehn Jahre sowie von der jüngsten Ertragsstärke. Allerdings sind mehrere Banken Risiken ausgesetzt: Obwohl die direkten Engagements im Nahen Osten begrenzt sind, könnte der Krieg über Zweitrundeneffekte energieintensive und handelsabhängige Branchen beeinträchtigen. Der Druck auf die Lebenshaltungskosten könnte die finanzielle Lage der Haushalte schwächen und damit die Qualität von Konsumkrediten und Hypothekenforderungen beeinträchtigen. In einigen hoch verschuldeten Ländern des Euroraums könnten die Bewältigung des Kriegsschocks und höhere Verteidigungsausgaben die öffentlichen Finanzen weiter belasten.
Dieser Bericht enthält vier Sonderstudien: den Einsatz von KI-Tools zur Erforschung der Finanzstabilitätsstimmung; die Analyse der Divergenz zwischen steigenden Unternehmensinsolvenzen und niedrigen Notleidenden-Quote; die Bewertung der Auswirkungen makroprudenzieller Politik auf Haushaltskredite und Immobilienpreise; sowie die Bewertung der Auswirkungen von Spannungen auf dem globalen Privatkreditmarkt auf die Finanzstabilität des Euroraums.
EZB-Vizepräsident Luis de Guindos betont im Vorwort, dass geopolitische Risiken, Fragilitäten im Nichtbankenbereich und Bedenken hinsichtlich der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung miteinander verwoben sind und gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken könnten, wodurch die Finanzstabilitätsrisiken zunehmen.